
6. Die Geographie und Vegetation
In Uttarakhand leben mehr als acht Millionen Einwohner, die sich auch hinsichtlich der Kastenzugehörigkeit und der ethnischen Herkunft unterscheiden lassen. So zählen ungefähr 80% der Bevölkerung zu den höheren Kasten und etwa 300.000 Einwohner werden zu den Stammesethnien zugerechnet. In kultureller Hinsicht bewirkten die geografischen Bedingungen Uttarakhands eine für die Bergregionen des Himalayas typische kleinräumliche kulturelle Vielfalt, in der sich die sprachlichen und kulturellen Eigenheiten vornehmlich in den diversen Talschaften manifestierten. Die Bewohner, die in einzelnen voneinander durch hohe Bergkämme getrennten Himalayatälern leben, haben durch die räumliche Abgeschiedenheit ihre jeweilige kulturelle Eigenheit noch vielerorts weitgehend bewahren können. Dennoch ist auch hier eine in ganz Indien wahrnehmbare Tendenz zur Vereinheitlichung von Vorstellungen und Lebensweisen zu beobachten. Die jüngere Generation wächst zunehmend unter Bedingungen auf, wo das „Andere“ durch Fernsehen, Radio, Internet, Touristen, bessere Verkehrsanbindung, Migration usw. immer mehr präsent ist, und somit der eigene Erfahrungsraum nicht mehr länger auf den begrenzten Lebensraum eines Dorfes und seiner unmittelbaren Umgebung beschränkt ist.
Wer in Uttarakhand, wie auch dem gesamten westlichen indischen Himalaya als Reisender unterwegs ist, wird oft in Regionen kommen, wo die Bevölkerung gemäß der indischen Verfassung zum Teil oder als Ganzes zu den „Registrierten Stämmen“ gerechnet wird. Im Falle Uttarakhands wird die Problematik dieser Kategorie deutlich. Im Allgemeinen impliziert der Begriff Stamm eine Personengruppe, die sich von den anderen Menschen bezüglich seiner kulturellen Differenzierung, Abstammung und Territorium ein- beziehungsweise ausgrenzen lässt. Anhand des Beispiels der Bhotia in Uttarakhand lässt sich die Problematik der begrifflichen Anwendung auf eine komplexe kulturellen Wirklichkeit demonstrieren. Die als Bhotia bezeichnete Volksgruppe, die bis zum Jahr 1962 mit Tibet Handel trieb und in den höchst liegenden Bergtäler des südlichen Himalaya-Hauptkammes lebt, erhielt erst im Jahr 1967 den Status als „Scheduled Tribe“. Die späte Statuszuweisung als „Tribals“ hängt sicherlich auch mit der veränderten wirtschaftlichen Situation zusammen, weil der Indisch-Chinesische Krieg von 1962, dem seit Ewigkeiten bestehenden Trans-Himalayahandel beendete. Dass sie sich in vielerlei Hinsicht von den Nicht-Bhotia Bergbewohnern unterschieden und von den Letzteren als „Bods“ bezeichnet werden und dem Status nach noch unter den Kshatriyas und Sudras rangierten, unterstreicht ihre kulturelle Eigenheiten. Doch eben diese Bezeichnung Bhotia wird der kulturellen Wirklichkeit nur bedingt gerecht, denn die in sieben Tälern lebenden Bhotia sind in fünf verschiedene Gruppen mit jeweiligen Eigenname unterteilt und bewohnen jeweils unterschiedliche Täler. Kennzeichnend hierfür sind auch Unterschiede in religiöser als auch sozialer Hinsicht zwischen diesen Untergruppen. Während nun die Bhotia als Stamm Anerkennung fanden, erhielten die im Bhillangana Tal lebenden Budheras diesen Status nicht, obwohl diese, die mit dem Stammesbegriff zusammenhängenden Kriterien, genauso erfüllen, wie die Bhotia. Außer den Bhotia gehören auch die in Garhwal lebenden Jaunsar, die auch erst im Jahr 1967 den Status verliehen bekam, und die in Kumaon lebenden Raaji und Tharu zu den etwa 300.000 „Tribals“.
Will man der kulturellen Wirklichkeit von Garhwal und Kumaon gerecht werden, so kann man behaupten, dass sich die kulturelle Vielfalt Uttarakhands und auch die der anderen Bergregionen des Himalaya maßgeblich durch kleinräumliche Kulturen bestimmt wird und in geografischer Hinsicht, oft nur die Bewohner eines einzelnen Tals die Träger dieser spezifischen kulturellen Eigenheiten sind. Ob es nun die verschiedenen Heiratstypen, die verehrten Gottheiten, die Sprache, die Kleidung, der Hausbau, die Mitgift, den Brautpreis oder andere Aspekte betrifft, die Unterschiede zwischen einzelnen Bevölkerungsgruppen innerhalb Uttarakhands oder den Bergregionen sind Teil einer kulturellen Vielfalt, die sich im Vergleich zu den in der Gangesebene vorherrschenden Vorstellungen, nochmals stark unterscheidet.
Für den Besucher Uttarakhands ergeben sich dadurch interessante Einblicke in eine indische Wirklichkeit, die eben durch Verschiedenartigkeit geprägt ist, und sich aus dieser ihren besonderen Reiz und Anziehungskraft, aber auch ihr Konfliktpotenzial bezieht.