Lahaul - eine Region, die zum entdecken einlädt
Touristen, die auf dem Überlandweg nach Ladakh reisen, bleiben meist nur ein oder zwei Tage in Keylong, dem Hauptverwaltungsort des Bezirkes Spiti-Lahaul. Somit steht Lahaul zweifelsfrei im Schatten des weitaus bekannteren Ladakh. Für einige Trekkingtouren in die Region Zanskar ist Lahaul jedoch der Start- oder Endpunkt der Touren. Zum Beispiel führt die bekannte und attraktive Trekkingroute von Darcha oder Palamo über den Shingo La nach Zanskar und von Padum weiter nach Lamaruyu.
Landschaftlich besticht Lahaul mit seinen zahlreichen Gletschern, die sich an die steilen Bergflanken schmiegen. Es gibt wohl kaum eine Region im westlichen indischen Himalaya, in der die Gletscherzungen so weit in die Täler hinunter reichen. Dabei spielt es keine Rolle, ob man sich auf der Straße zwischen Rohtang Pass, Keylong und Baralacha La befindet oder auf einer Trekkingtour in den großen Seitentälern. Noch bis knapp unter 4000 Meter Höhe gibt es kleine Dörfer und Weiler, deren Häuser i.d.R. denen der rechteckigen, mehrstöckigen und flachdachigen Häusern von Spiti und Ladakh gleichen, jedoch nicht mit weißer Farbe getüncht sind, sondern in der natürlichen Farbe des Lehms belassen werden. Die Bewohner leben vom Pflanzenanbau und der Weidewirtschaft. In den Sommermonaten, von Mai/Juni bis September, grasen die meisten Tiere wie Pferde, Yaks, Schafe und Ziegen auf den hochliegenden Weiden. Hier trifft der Trekker auch auf Gaddis, Angehörige einer aus der Region Kangra stammenden Schäferkaste, die mit ihren Schafen und Ziegen zu dieser Jahreszeit hier umherziehen.
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Die Bergregion Lahaul ist kulturgeschichtlich betrachtet eine Übergangsregion an der Nahtstelle von buddhistisch und hinduistisch geprägter Kulturregionen.
Schwer zugänglich und abgeschottet in den langen Wintermonaten, wenn der Rohtang Pass von Fahrzeugen nicht überquert werden kann, leben die Einheimischen in der Abgeschiedenheit der Himalaya-Täler. Immer mehr Lahaulis ziehen es heute jedoch vor, die Wintermonate im Kullu-Tal zu verbringen. Sobald der Rohtang Pass wieder geöffnet ist, kommen nicht nur viele Lahaulis zurück, sondern auch Händler und Handwerker aus dem Kulu Tal. Dieses saisonale Kommen und Gehen von Menschen und Waren war auch über Jahrhunderte hinweg typisch für den Warenhandel zwischen dem Kulu Tal und den Regionen Ladakh und Zanskar.
In den Sommermonaten wurde der Handel über die schwierigen und langen Routen abgewickelt. Hiervon profitierten am meisten die Lahaulis aus dem Bhaga Tal, da die Route nach Zanskar und Ladakh durch dieses Haupttal führte. Im Handel dominierte die buddhistische Bevölkerung, was wohl auch daran lag, dass sie mit den Bewohnern von Zanskar und Ladakh sowohl ethnisch, religiös als auch kulturell viele Gemeinsamkeiten aufwiesen.
Noch immer sind die meisten Bewohner des Bhaga Tales (auch als Gara bezeichnet) und des oberen Chandra Tals (Rangloi) nahezu alle Buddhisten, deutlich sichtbar an den vielen Klöstern. Nach dem Zusammenfluss von Bhaga und Chandra wird das talabwärts gelegene Talgebiet als Pattan bezeichnet und vorwiegend von Hindus bewohnt. Dass sich diese religiöse Bevölkerungsgruppe Lahauls immer wieder durch Einwanderungen vermehrte, beweist z.B. die aus dem Sangla Tal in Kinnaur eingewanderte, sich selbst als Swangla bezeichnete, Bevölkerungsgruppe.
Mit dem Niedergang des Buddhismus in Indien befand sich Lahaul geographisch immer zwischen den südlichen gelegenen hinduistisch geprägten Königreichen von Kulu und Chamba und den buddhistisch geprägten Ladakh und Spiti. Angesichts der Größe und der Bevölkerungszahl war es daher meist Spielball der benachbarten größeren und mächtigeren Reichen und folglich auch den jeweiligen kulturellen Einflüssen ausgesetzt. Das im Hinduismus verankerte Kastenwesen samt dessen Interaktionsregeln wurde jedoch abgeschwächt praktiziert. Die buddhistische Bevölkerung übernahm ihrerseits nur in sehr eingeschränktem Maße diese religiös motivierten sozialen Verhaltensregeln, bezüglich ihrer Kontakte mit Hindus. Hierfür dürfte die politische Vormachtstellung der Buddhisten in Lahaul ausschlaggebend gewesen sein. Zwischen den Anhängern des Buddhismus gab es zwar Rangunterschiede, aber das Miteinander war durch die prinzipielle Gleichstellung der Individuen im Buddhismus, egalitärer ausgerichtet.
Durch das jahrhundertlange Miteinander und Nebeneinander von Hindus und Buddhisten in Lahaul sind die Grenzen dieser Religionen immer mehr verwischt worden. Tempel wie Triloknath werden sowohl von Hinduisten als auch Buddhisten besucht. Das gleiche gilt für Gyephang, der von allen Bewohnern als Schutzgottheit Lahauls verehrt wird. Sicherlich steht die buddhistische Lebenspraxis unter dem Druck der Hinduisierung und Modernisierung. Das gilt jedoch für viele Minderheiten Indiens genauso, wie letzteres die ganze indische Gesellschaft betrifft.
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