Ladakh
Ladakh - das Land der Pässe - ist ein von Extremen geprägter Lebensraum. Hier konnten über Jahrtausende hinweg nur Menschen überleben, denen es gelingt der Natur das Lebensnotwendige abzutrotzen. Die Bauern betrieben damals wie heute Weidewirtschaft und kultivierten Getreide mit Hilfe von Bewässerungssystemen. Ohne Wasser, das durch Kanäle von den Seitenbächen angezapft wird, würde weder Gerste noch Buchweizen oder andere Kulturpflanzen gedeihen. Die nomadisierenden Bevölkerungsgruppen in Ladakh waren ihrerseits darauf angewiesen, Getreide von den Bauern zu erhalten. Infolgedessen pflegten die Nomaden in Ladakh als auch in Tibet jahraus jahrein Handels- und Tauschbeziehungen, innerhalb dieser auch der Trans-Himalaya-Handel zählte.
In Leh, der Hauptstadt des einstigen Königreichs, trafen Karawanen aus Yarkand, Kashmir, Kulu und Lhasa aufeinander. Über bewährte Handelswege, ungeachtet der hohen Pässe, Wüsten und endlosen Steppen, wurden die Waren auf Tragetieren nach Leh gebracht und von dort weiter transportiert. Händler aus allen benachbarten Regionen ließen sich zeitweise oder permanent in Leh nieder, um den lukrativen Handel abzuwickeln. Der über Jahrhunderte florierende Fernhandel kam erst durch die politischen Ereignisse nach der Unabhängigkeit Indiens zum völligen Stillstand. Aber noch immer wird die Paschmina-Rohwolle von Ladakh nach Kaschmir verkauft und dort, wie schon seit Jahrhunderten, zu hochwertigen Wollerzeugnissen verarbeitet.
Manche bezeichnen Ladakh als "Kleines Tibet". Seit mehr als 1000 Jahren ist Ladakh mit Tibet in unterschiedlicher Weise verbunden. Verantwortlich hierfür war vor allem die Ausbreitung des Buddhismus und im speziellen die Entwicklung des tibetischen Buddhismus im Himalaya, der im Zusammenhang mit den politischen Herrschaftsverhältnissen zwischen den westtibetischen Reichen und Zentraltibet und dem Niedergang des Buddhismus in Indien stand. Darüber hinaus reichen die Verbindungen sowohl ethnisch als auch sprachlich noch viel weiter in die Vergangenheit zurück.
Die Klöster Ladakhs sind noch immer Zeugen eines lebendigen Glaubens. Früher gingen die Mönche nach Tibet, um dort die höheren Weihen der buddhistischen Lehren zu erhalten. Heute finden die religiösen Unterweisungen oftmals in Klöstern statt, die in der indischen Diaspora nach der Flucht des Dalai Lama gegründet worden waren. Und es sind vorzugsweise die Klöster, neben der Landschaft, die Touristen jedes Jahr anlocken. Auch in Ladakh, Teil des Bundesstaates Jammu und Kashmir, kam es zu Problemen beim Zusammenleben von Muslimen und Buddhisten. Die Muslime leben bereits seit dem 17. Jahrhundert in Ladakh. Das Kernland Ladakhs blieb jedoch buddhistisch und die Probleme entstanden hauptsächlich infolge des Kashmir-Konflikts.
Die Teilung Indiens, die Kriege zwischen Pakistan und Indien um Kaschmir, zu dem Ladakh politisch seit dem Mitte des 19. Jahrhunderts gehört, die Grenzschließung durch die VR China, die den traditionellen Handel über den Karakorum beendete, und der Krieg zwischen der VR China und Indien im Jahr 1962 veränderten die Situation. Aber auch die Öffnung der Region für den Tourismus 1974 führten zu einschneidenden Veränderungen in Ladakh. Durch den Bau von Straßen und dem Flughafen in Leh konnte die Region besser erreicht werden. Zig Tausende von Soldaten, die in den zahlreichen Kasernen im Indus-Tal und Nubra-Tal stationiert sind, dazu Touristen, die in steigender Zahl nach Ladakh reisen und hierbei auch weit abgelegene Dörfer besuchen, führten zu großen wirtschaftlichen Veränderungen. Das Militär und der Tourismus sind heute das wirtschaftliche Rückgrat der Region.
Aber wie reagierte die Bevölkerung auf diesen Wandel? Wer nach Ladakh reist, wird beim Besuch dieser beeindruckenden Bergregion vielfältige Antworten erhalten.
Trekking in Ladakh
Die Haupttrekkingsaison beginnt im Juni und reicht bis September. Die Trekkingwege werden gewöhnlich auch von den Bewohnern benutzt, um in benachbarte Dörfer oder Täler zu gelangen. Hohe Pässe sind zu überwinden und Wasserläufe müssen über- oder durchquert werden. Der Monsun mit seinen niederschlagsreiche Wolken wird im Regelfall von den hohen Gebirgsketten abgehalten. Eine Veränderung des Klimas ist aber auch schon in Ladakh nachweisbar. Die Bäche führen am Anfang der Saison mehr Wasser mit sich, wodurch die ein oder andere Bachdurchquerung schwieriger werden kann. Ab Ende August sind die Wasserläufe merklich kleiner. Gleichwohl schwellen die Wasserläufe bei mehrtägigem Regen sehr schnell an und werden dadurch zu schwierigen Hindernissen. Die Luft ist wegen der Höhe dünn und trocken und der am Nachmittag aufkommende Wind trägt oft Staub mit sich. Tagsüber kann es sehr warm werden und nachts empfindlich kalt. Die Vegetation ist ziemlich spärlich.
Trekking in Ladakh ist eine besondere Erfahrung, weil diese Mischung aus Landschaftserlebnis und buddhistischer Kulturerfahrung allenfalls noch in Spiti erlebbar sein dürfte.
Geschichte
Bis vor dem 10. Jahrhundert u.Z. lässt sich wegen der Quellenlage nur ein vages Bild nachzeichnen. Es waren vermutlich zuerst einwandernde Darden, eine Indo-Iranische Ethnie, die vom unteren Indusgebiet ausgehend, das obere Indusgebiet besiedelten. Schon die klassischen Autoren Megasthenes und Ptolemäus berichteten von dieser Ethnie. Aus dem Osten kommend wanderten als Nomaden herumziehenden tibetische Ethnien in das Gebiet ein. Wohl schon damals als auch später vermischten sich die verschiedenen eingewanderten Bevölkerungsgruppen. Im 8. und 9. Jahrhundert u.Z. wurde Ladakh und das benachbarte Baltistan vom tibetischen Großreich kontrolliert. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte sich der tibetische Buddhismus noch nicht zu seiner bis in die Gegenwart hinein reichenden Form entwickelt. Und die Zeugnisse des Buddhismus vor jener Zeit, z.B. die in Stein gehauenen Buddhastatuen von Mulbekh oder Shey, waren vortibetischer Herkunft. Unter dem Herrscher Sron-tsan-gam-po, der den Buddhismus zur Staatsreligion erklärte, wurden die verschiedenen tibetischen Ethnien vereinigt und die Expansion seines Königreiches nahm seinen Lauf und erreichte nach dem Zusammenbruch 842, als der achte Nachfolger Lang-dar-ma ermordet wurde, niemals wieder eine solche Größe. Für Ladakh, das fern im Westen des ehemaligen tibetischen Reiches lag, sollte in Person eines Nachfahrens jener Königsfamilie, der zusammen mit anderen nach Westtibet floh, eine neue Herrscherdynastie entstehen. Nyima-Gon�s teilte sein Reich unter seinen drei Söhnen auf, das u.a. Purang, Guge, Spiti, Lahaul, Zanskar und Ladakh umfasste. Guge spielte für die Entwicklung des tibetischen Buddhismus, "der zweiten Verbreitung", eine herausragende Rolle. Der Herrscher von Guge Yeshe -Ü schickte mehrere junge Männer nach Kashmir und anderen nordindischen Lehrzentren des Buddhismus. Unter diesen war Rin-chen-zang-po (958-1055), der durch seine Übersetzungen und dem Bau vieler Klöster in Westtibet nachhaltig die Entwicklung des tibetischen Buddhismus beeinflusste. Zu den Klöstern, die aus jener Zeit stammen, gehören Tabo in Spiti und auch Alchi in Ladakh. Der bekannte Gelehrte Atisa (982-1054) wurde von dem Nachfolger von Yeshe Ü im Jahr 1042 eingeladen und verbrachte zwei Jahre in Tholing. Danach ging er nach Lhasa und Zentraltibet, wo er als verehrter Meister seine Lehre verbreitete. Atisa und andere nach ihm folgende Gelehrte gründeten in Zentraltibet eigene Schulen und Klöster. Für Ladakh, das bis dato kulturelle und religiöse Inspirationen aus Kashmir und Nordindien bezog, führte der Niedergang des Buddhismus in Nordindien und die Islamisierung Kashmirs und Baltistans, zu einer Orientierung in Richtung Tibet. In Ladakh selbst entwickelte sich keine eigenständige buddhistische Lehrschule oder künstlerische Eigenform.
Für den Zeitraum bis zum 15. Jahrhundert ist die schriftliche Quellenlage nicht sehr ergiebig. Gleichwohl lassen sich aus den Chroniken der Herrscher von Ladakh weitgehendst die Abfolge der jeweiligen Herrscher bestimmen und einige geschichtliche Vorkommnisse werden zudem benannt. Nach dieser eher "dunklen" Periode folgt indes eine weitaus besser dokumentierte nachfolgende Periode. Zu Beginn des 15. Jahrhunderts wurden Ladakh und selbst Guge zum ersten Mal durch von dem nun muslimisch beherrschten Kashmir überfallen. Und derartige Raubüberfälle und Plünderungen ereigneten sich in den nächsten zwei Jahrhunderte noch mehrere Male. Neben Kaschmir waren hieran auch zentralasiatische und baltische Invasoren beteiligt. Ladakhs geographische Stellung, die politische Zersplitterung und die Stärke der Nachbarn bestimmten das Los der Region. Zudem gelang es den Königen von Ladakh nur selten ihre Vasallen an den Grenzen ihres Herrschaftsgebietes dauerhaft zu kontrollieren. Nachdem sich in Zentraltibet der von Tson-ka-pa (1357-1419) gegründete Ge-lug-pa Mönchsorden immer stärker ausgebreitet hatte, fand diese neue Lehrrichtung auch unter dem König von Ladakh Trags-bum-de eine Unterstützung. Das Kloster Spituk bei Leh war die erste Gründung der "Gelbmützen" in Ladakh. Weitere Neugründungen folgten und ältere bestehende Klöster, wie Likir, übernahmen die neue Lehrmeinung.
Im 15. Jahrhundert führten zwei Brüder die zwei Königreiche mit den Hauptstädten Shey einerseits und Basgo/Tingmogang andererseits an, wobei die Shey-Ahnenlinie das legitime Anrecht auf die Königslinie beanspruchen konnte. Bhagan (von 1470-1500 König) ein Sohn der Basgo-Ahnenlinie bezwang indessen den König der Shey-Linie. Damit entstand die zweite und auch letzte Königsdynastie Ladakhs, die sich bis in das 19. Jahrhundert hinein an der Macht halten konnte. Ihr Name "Namgyal" bedeutet "vollkommene Sieger" und so nannte Bhagan auch seine zwei Söhne. Im Kampf um die Macht entrieß der jüngere der zwei Brüder, Tashi Namgyal (ungefähr von 1555-1575 König), dem älteren Bruder Lhawang die Macht, ruinierte ihm außerdem sein Augenlicht und verbannte ihn in das Dorf Lingshed. In seiner Regierungszeit bewies er seine Fähigkeiten, sich sowohl gegen muslimische Angriffe erfolgreich zur Wehr zu setzen als auch neue Gebiete zu erobern, wie die zeitweise Herrschaft über Guge. Weil aber Tashi Namgyal keine männlichen Nachfolger zeugte, folgte ein Sohn des blinden Lhawang auf den Thron. Tshe Wang Namgyal trat erfolgreich in die Fußstapfen seines Vorgängers. Seine Macht reichte bis Mustang, Kulu und Baltistan. Ihm folgte sein Bruder Yamyang, aber diesem war das Regierungsglück nicht gegönnt. Yamyang verlor den Krieg gegen die muslimischen Baltistanis unter ihrem Anführer Ali Mir aus Skardu. Er wurde Gefangen genommen, viele Klöster in Ladakh geplündert und zerstört. Auf Geheiß Ali Mirs heiratete Yamyang eine seiner Töchter und kehrte dann wieder nach Leh zurück um weiter zu regieren.
Aus der Heirat ging ein Sohn mit Namen Sengge hervor. Der Legende nach soll die Namensgebung Sengge (Löwe) soll auf einen Traum von Ali Mir zurückgehen. Der König Sengge und dessen Vater sorgten dafür, dass sich der Buddhismus in Ladakh neu belebte. Die enge Verbundenheit von Sengge Namgyal mit dem bekannten tibetischen Priester Stag-tsang-ras-pa, der dem Drug-pa Mönchsorden angehörte, mündete im Bau mehrerer Klöster, wie Hanle und Hemis. Auch der noch heute bestehende, aber unbewohnte und in Restauration befindliche Palast in Leh, wurde unter seiner Regentschaft erbaut. Bereits als Minderjähriger bestieg er 1616 den Thron. 1630 eroberte er Guge und schickte den dortigen Herrscher in das Exil nach Ladakh, setzte aber später einen seiner Söhne als neuen Herrscher ein. Das seinerzeit unabhängige Zanskar kam ebenfalls unter die Herrschaft von Ladakh. Im Kampf gegen die Muslime in Baltistan und Purig - im unteren Industal beheimatet - musste er eine Niederlage hinnehmen und deren Forderung nach jährlichen Tributzahlungen an Kashmir akzeptieren. Nun aber begingen Sengge Namgyal und sein Nachfolger einen großen Fehler. Zwischen 1639 bis 1663 unterbanden Sie jeglichen Handel mit Kashmir, deren Ursache wohl in dieser militärischen Niederlage und den geforderten Tributzahlungen lag und von revanchistischen Motiven getragen wurde. Für eine Region wie Ladakh war der seit Jahrhunderten florierende Transithandel über ihr Gebiet ein Garant für Wohlstand, der durch nichts ausgeglichen werden konnte. Um so erstaunlicher und unverständlicher war dieser Akt, wohl nicht nur aus heutiger Perspektive.
Nach seinem Tod und einer Zwischenregentschaft seiner Witwe wurde das Reich unter den drei Söhnen aufgeteilt. Der Älteste erhielt das eigentliche Ladakh, der Mittlere bekam Guge und der jüngste Sohn Zanskar und Spiti. Auf Druck Kashmirs und des Moghul-Herrschers Aurangzeb musste Deldan letzten Endes eine Moschee in Leh errichten. Deldans Expansionsstrebungen in Purig und Baltistan waren kurzzeitig erfolgreich, aber die veränderte Situation in Tibet war nicht folgenlos. In Tibet gelang es der Gelug-pa Sekte die Macht an sich reißen, während in Ladakh die Drug-pa Sekte infolge der Patronage durch das Königshaus weiterhin dominierte. Der 5. Dalai Lama wollte diesen Umstand nicht länger akzeptieren und entsandte eine Armee.
Mit Unterstützung der kashmirischen Armee und nach drei Jahren Belagerung von Basgo und mit der Unterstützung der kashmirischen Armee wurden die Tibeter 1683 zurückgetrieben. Mit der Konsequenz, dass König Deldan zum Islam konvertieren und die Oberhoheit der Moghul-Herrscher akzeptieren musste. Die Kashmiris sicherten sich auch noch das ausschließliche Recht auf den Handel mit Paschmina. Ein Jahr später war der König von Ladakh gezwungen, den Vertrag von Tingmosgang zu unterschreiben. In diesem Vertrag wurden die Grenzen zwischen Tibet und Ladakh neu festlegt. Ladakh verlor hierbei endgültig die Herrschaft über Guge. Ferner musste Deldan den Gelug-pa die gleichen Rechte wie den Drug-pa zugestehen und sicherheitspolitisch verlangte Tibet von Ladakh, keiner indischen Armee den Durchgang zu erlauben. Zur förmlichen Festlegung der Herrschaftsverhältnisse zwischen den beiden Reichen/Mächten musste Ladakh alle drei Jahre eine Karawane, die Lo-pchak, mit Geschenken an Lhasa entsenden. Die tibetische Regierung entsandte jährlich eine Karawane, die hauptsächlich Tee mit sich führte. Damit hatte die zweite Königsdynastie ihren politischen Zenit überschritten, aber erst 1834 verlor sie endgültig ihre Macht. Zwischenzeitlich kam es zu einem steten Verfall der politischen Herrschaft der Königsfamilie, sei es aus Kalkül destruktiver Kräfte oder einfach nur durch Unvermögen.
Als Kashmir unter die Herrschaft des Sikh-Regenten Ranjit Singh fiel, dessen Herrschaftsgebiet stetig wuchs und auch das Territorium den Dogra-Herrscher und Raja von Jammu, Gulab Singh, umfasste, wurde die Lage für Ladakh bedrohlich. Gulab Singh beabsichtigte den Pashminahandel unter Kontrolle zu bringen. Unter seinem Oberbefehlshaber Zorawar Singh fiel die Armee im Jahr 1834 über Kishtwar und Zanskar in Ladakh ein. Ohne nennenswerte Gegenwehr erreichten sie Kargil, aber der Winter stoppte deren weiteren Vormarsch. Ein Verhandlungsangebot wurde von den Ladakhis jedoch abgelehnt. Im Frühling/Frühjahr des folgenden Jahres wurde der Feldzug fortgeführt und die Hauptsatdt Leh erobert. Jährliche Tributzahlungen an den Sikh-Herrscher wurden vertraglich fixiert und der König von Ladakh damit zu einem Vasall degradiert. Das nicht kooperative Verhalten des ladhakischen König Tshe-spal führte zu seiner Absetzung, wurde jedoch später wieder als König eingesetzt. Sein Enkel Jigmet Namgyal trat noch als Minderjähriger seine Nachfolge an. Aber was außer dem Titel gestanden die neuen Herrscher dem "König" von Ladakh zu? Nicht viel. Das Recht in Ladakh zu leben, solange der König sich friedfertig verhält und Landbesitz in Stok, wo er sich ein neuen Palast erbaute. Heute befindet sich dort ein kleines Museum. Für die Ladakhis jedoch genießt die Königsfamilie auch heute noch ein hohes Prestige.
Im Anschluss an einen verlustreichen Krieg zwischen den Dogras und Tibet wurde in einem Vertrag von 1842 die rechtmäßige Herrschaft der Dogra über Ladakh fixiert. Die Regionen Leh, Kargil und Baltistan waren fortan Teile der Verwaltungseinheit - des wazarat - von Ladakh. Als 1846 der Dogra-Herrscher Gulab Singh Kashmir von den Briten erwarb, wurde Ladakh Bestandteil des Reiches von Jammu und Kashmir, das bis zur Unabhängigkeit Indiens (1947) Bestand hatte und heute noch immer als Teil des indischen Bundesstaates Jammu und Kaschmir existiert.
Wegen des Kashmir-Konfliktes kam es auch in Ladakh zu Spannungen und Auseinandersetzungen zwischen der buddhistischen und muslimischen Bevölkerung. Die Kriege zwischen Indien und Pakistan in den Jahren 1947-1949, 1965 und 1971 und der Grenzkrieg zwischen Indien und China 1962 forcierten den strategisch wichtigen Ausbau der Verteidigungsstellungen der indischen Armee. Die indische Armee ist seither der dominierende Faktor der Entwicklung in Ladakh. Die Kriege mit den Nachbarn und die politischen Verwerfungen bedeuteten das Aus für den jahrhundertlangen Karawanenhandel und führten zu einer Abkoppelung der ladakhischen Klöster von Tibet - und stellen damit eine tiefgreifende Zäsur in der Geschichte dieser Himalayaregion dar.
Die Menschen
Die Bevölkerung in Ladakh setzt sich in religiöser Hinsicht aus Buddhisten und Muslimen zusammen. Beide Gruppen sind zahlenmäßig etwa gleich groß. In Zanskar wird z.B. der Hauptort Padum mehrheitlich von Muslimen bewohnt, während die Bewohner der umliegenden Dörfer Buddhisten sind. In Leh und deren näheren Umgebung leben Muslime, die sich dort im Zuge der Handelsaktivitäten dauerhaft niederließen und ursprünglich aus den alten zentralasiatischen Handelsorten Yarkand, Khotan und Kashgar stammten. Im zentralen und östlichen Ladakh konnte der Islam nicht/kaum Fuß fassen, im Gegensatz zu Baltistan und dem westlichen Ladakh. Hier kam es bereits im 15. Jahrhundert zu Konvertierungen. In Ladakh waren die christlichen Missionierungsaktivitäten nicht von Erfolg gekrönt, aber das Wirken der Missionare war jedoch hinsichtlich der Errichtung sozialer Einrichtungen wie Schulen oder Krankenhäuser/Krankenstationen bzw. der Gewinnung wissenschaftlicher Erkenntnisse/Erforschung der Geschichte von Vorteil.
Das friedliche und tolerante Miteinander der unterschiedlichen Religionsgruppen wurde (und wird noch immer) durch den Kashmir-Konflikt belastet. Als integraler Bestandteil des Bundesstaates Jammu und Kashmir wird sich Ladakh, solange das politische Problem der Zugehörigkeit von Kashmir nicht gelöst ist, gegen die Auswirkungen dieses Konflikts nur mit dem Willen aller Beteiligten und gemeinsamer Anstrengungen immunisieren können.
Traditionell werden in Ladakh die Bevölkerungsgruppen mehr dem Status als der Klasse nach unterschieden. So stehen Angehörige der Aristrokratenfamilien in der sozialen Hierarchie statusmäßig an oberster Stelle, während in Zentral- und Ostladakh die zur ältesten Bevölkerungsschicht zählenden Mon oder Darden an unterster Stelle rangieren. Sie üben meist spezielle Handwerkertätigkeiten aus, wie Schmiede oder Zimmermänner, oder sind gewissermaßen Berufsmusikanten. Die Statusunterschiede sind z.B. bei Festlichkeiten an der Sitzordnung der Teilnehmer zu beobachten. Das tägliche Miteinander in Ladakh wird hingegen nicht durch die mannigfaltigen Interaktionsregeln des hinduistischen Kastensystem beschränkt. In der ladakhischen Gesellschaft herrscht daher ein viel freizügigerer und gleichberechtigterer Umgang.
Die Sprache Ladakhs basiert auf dem Tibetischen. Die Schriftsprache ist tibetisch, aber als gesprochene Sprache (ist es) ein Dialekt, der für einen Tibeter aus Lhasa nicht mehr verständlich ist. In den Klöstern wird tibetisch gesprochen, als offizielle Amtssprache fungiert englisch und in der Verwaltung und in der Schule dominiert Urdu. Keine Frage, das Ladakhische steht unter großem Druck, seine Bedeutung zu verlieren. (und für viele Kinder ist Urdu eine Fremdsprache.) In Zanskar, das mit Kargil verwaltungstechnisch eine Einheit bildet, sehen sich viele buddhistische Bauerneltern genötigt, ihre Kinder ins ferne Manali zu senden, weil die hiesigen Schulen qualitativ schlecht und über Monate geschlossen sind und sich in Manali außerdem auch tibetische Schulen befinden.
Alltagsleben in Ladakh
In vielen Regionen des Himalayas war es über Jahrhunderte hinweg üblich, dass meistens Brüder mit nur einer gemeinsamen Frau verheiratet waren. Diese polyandrische Familienform war auch in Ladakh die vorherrschende Heiratsform, bis in die jüngere Vergangenheit hinein. Sie basiert auf der Überlegung, dass immer nur eine Heirat pro Haushalt einer Überbevölkerung vorbeugt und eine Landaufteilung unter mehreren Söhnen langfristig unwirtschaftlich wäre. Außerdem sicherte die Polyandrie den Klöstern einen steten Zufluss von Novizen, da aus jeder Familie mindestens ein Sohn das Leben als Mönch führen sollte. Aufgrund der intensiven Kontakte mit der Außenwelt und dem ökonomischen Wandel in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts kam es auch hier zu Veränderungen. Vom nicht nur orthodoxen hinduistischen Standpunkt betrachtet als moralisch und ethisch verwerflich eingestuft, passten sich die Ladakhis den moralischen Normen und Werten der Mehrheitsgesellschaft an. Heute gibt es nur noch wenige polyandrische Familien und das Thema wird auch in der Öffentlichkeit nicht angesprochen. Der geringere wirtschaftliche Druck aufgrund der neuen Beschäftigungsmöglichkeiten im Dienstleistungsbereich, der Armee oder Verwaltung ermöglichte es den jungen Männern, außerhalb der traditionellen Landwirtschaft ein Auskommen zu finden und eine eigene Familie zu gründen.Für die Klöster führten die veränderten Beschäftigungsmöglichkeiten zu einer geringeren Zahl an Novizen.
Wie auch immer man diese Entwicklung bewerten mag, so hat sich dennoch vieles im traditionellen Familienleben erhalten können. Darunter fällt auch die traditionell starke Stellung der Frau. Ihre Präsenz in der Öffentlichkeit und ihr Auftreten kann man auf den Straßen Lehs beobachten.
Eine andere buddhistische Tradition besteht in der Übergabe des Erbes und der "Macht" vom Vater auf den Sohn oder den Söhnen noch zu Lebzeiten des Vaters. Nach der Heirat des ältesten Sohnes zogen der Vater und die Mutter in ein kleineres Haus und überließen dem Sohn das Erbe. Diese Praxis der frühen Nachfolgeregelung wurde auch in den König- und Fürstenhäusern praktiziert.
Der Zusammenhalt von Dörfern oder unter Verwandten wird durch zwei unterschiedliche Formen von Allianzen gestärkt. In der einen, der Pha-spun Gemeinschaft, schließen sich Familien zusammen, um sich bei Familienfeierlichkeiten gegenseitig zu unterstützen. In Ladakh und Nubra setzen sich diese aus nicht-verwandtschaftlich verbundenen Familien zusammen, während sie in Zanskar familiär verbunden sind, und zwar über die väterliche Verwandtschaftslinie. Eine derartige Gemeinschaft verehrt auch einen gemeinsamen Schutzgott. Früher wurden ihm zur Besänftigung auch Tieropfer dargebracht.
In der anderen Gemeinschaft der Chos-spun werden zwei Personen in Anwesenheit eines Lama rituell verbunden. Dadurch entstehen aber für die betreffenden Personen keine festen Verpflichtungen.
Im Alltag ist das Trinken des "Buttertees" nicht wegzudenken. Das Gemisch aus Tee, Butter und Salz wird in einem hölzernen zylinderförmigen Behälter hergestellt und natürlich auch jedem Besucher angeboten. Der Geschmack erinnert eher an eine leichte Brühe als an Tee.
Die Küche ausgestattet mit dem Herd aus Lehm oder Eisen, die Regale mit dem Koch- und Essgeschirr, die Sitzteppiche und die niederen Holztische steht im Zentrum des häuslichen Familienlebens. Neben den Schlaf- und Lagerräumen kann ein zusätzlicher reichlicher ausgestatteter Raum für besondere Anlässe eingerichtet sein. Den Abschluss der verschiedenen Räumlichkeiten macht der Gebetsraum.
Die Ernährung war traditionell sehr einfach und wenig abwechslungsreich: Tsampa, das geröstete Gerstenmehl, wird gemischt mit Buttertee, Wasser oder auch ganz einfach als Pulver gegessen, Suppen mit verschiedenen Zutaten wie Fleisch, Nudeln und Gemüse und dann noch mit Fleisch gefüllte Teigbällchen. Der Trockenkäse und das luftgetrocknete Fleisch sind sehr lange haltbar und gehören ebenso zu den traditionellen Lebensmitteln. Fleisch wird, wie in den meisten Regionen des HimaIaya, wegen der längeren Haltbarkeit eher im Winter gegessen. Im Zuge der Militäransiedelung und des Tourismus haben sich viele Bauern dem Gemüseanbau verschrieben, was man jeden Tag im Bazar in Leh oder an den am Straßenrand sitzenden Bäuerinnen sehen kann. Buttermilch und Joghurt wird aus der Milch der Dzomo, dem weiblichen Nachkommen aus der Kreuzung zwischen männlichem Yak und normaler weiblicher Kuh, und der Jak-Kühe gewonnen und das gegorene Gerstenbier - Chang - war und ist ein täglicher Begleiter bei Mahlzeiten und natürlich erst recht bei Festlichkeiten!
Mit der Geburt eines Kindes, einer Heirat oder einem Todesfall sind zahlreiche rituelle Handlungen verbunden. Diese Übergangsriten sind Ausdruck einer Gemeinschaft, den Status eines Individuums zu definieren und die Beziehungen eines Individuums zu Einzelpersonen und zur Gemeinschaft zu markieren. Die Integration in eine Gruppe und die Sicherheit der Gemeinschaft sind zentrale Anliegen einer jeden Lebensgemeinschaft. In Ladakh fällt dem Lama - einem Mönch - hierbei eine große Rolle zu, etwa bei der rituellen Reinigung des Hauses nach der Geburt, beim Beten zum Wohlergehen eines Neugeborenen, bei der Heirat und insbesondere bei den umfangreichen Todeszeremonien. Zu den Letzteren zählt auch die Herstellung der aus der Asche des Verstorbenen und Lehm hergestellten Votivgaben, die im Gebetsraum des Hauses aufbewahrt werden. Vielleicht wird auch noch ein Chörten zur Erinnerung an den Verstorbenen erstellt. Für alle Dienstleistungen der Mönche muss ein Obolus entrichtet werden.
Das Alltagsleben erfährt durch die jährlich stattfindenden Klosterfesten eine willkommene Abwechslung. Bei diesen Festlichkeiten werden im Klosterhof zumeist in einem Maskentanz und anderen Zeremonien die Schutzgottheiten verehrt.
|